KEYNOTES

Zu Beginn jeden Tages findet eine Keynote statt. Hier treffen zwei Positionen aufeinander, welche den Resonanzbegriff aus mehr oder minder verschiedenen Perspektiven betrachten. Die Vortragenden suchen nach der Relevanz des Begriff für Ihr Forschungsfeld: Sei es die Rezeption, Produktion oder Vermittlung von Kunst oder Musik. Gemeinsam mit euch sollen die Beziehung zwischen den vorgestellten Perspektiven untersucht werden.

FREITAG
13/11/2020

MARTIN REPOHL // MAX-WEBER-KOLLEG ERFURT

≫Die Beziehungsqualität der materiellen Welt – Aspekte einer resonanzsensiblen Perspektive auf Materialität≪

Wie beeinflusst die Materialität der Dinge die Möglichkeit und die Qualität von Weltbeziehung? Die Keynote möchte unter dem Begriff der Beziehungsqualität von Materialität eine Perspektive vorstellen, welche die Dinge nicht nur als Produkte sozialer Beziehungen begreift, sondern diese ebenso auch als Produzenten der Möglichkeit von Beziehung betrachtet, um so eine resonanzsensible Konzeption des Begriffes Materialität zu entwickeln. Der Auseinandersetzung mit Materialität kommt damit gerade in Bildungsprozessen eine erhebliche Bedeutung zu. Denn sowohl die Erfahrung materieller Beziehungsqualität als auch ihr Ausbleiben im Sinne einer materiellen Entfremdung ist konstitutiv für die Herausbildung einer differenzierten Beziehungsfähigkeit, welche erforderlich für die resonante Anverwandlung von Welt ist. Der Kunst kommt in diesem Sinne eine zentrale Bedeutung zu, findet sich hier doch ein offener Raum für den Umgang mit  Materialität, in dem materielle Beziehungsqualität in all ihren Facetten erscheinen und erfahrbar gemacht werden kann. Im Rahmen des Vortrages soll gemeinsam diskutiert werden, wie eine resonanzsensible Form von Kunstvermittlung aussehen könnte und wie diese einen Beitrag zur Herausbildung von sensibler Beziehungsfähigkeit im Kontakt zur materiellen Welt leisten kann.

PROF. DR. MANUEL ZAHN // UNIVERSITÄT ZU KÖLN

≫Resonanz - Medienökologische Perspektive der Kunstpädagogik≪


Der Vortrag befragt den Begriff der Resonanz für eine zeitgemäße Theorie der Kunstpädagogik und der Ästhetischen Bildung. Dazu werden Überlegungen in medienökologischer und medienästhetischer Perspektive vorgestellt, die im Anschluss an einen starken Resonanz-Begriff den Menschen als in mannigfachen Beziehungen zu seiner Umwelt (Materialien, Tiere, Dinge, Instrumente, Maschinen, Techniken, Technologien und nicht zuletzt auch andere Menschen) eingelassen und dementsprechend sowohl Subjektivität, Wahrnehmung, (ästhetische) Erfahrung sowie Praxis als mediatisierte und verteilte zu konzipieren sucht. Von besonderem Interesse dabei ist in bildungstheoretischer Hinsicht die Frage, welche Verschiebungen sich dadurch im Nachdenken über Kunstvermittlung und Kunstpädagogik ergeben.

SAMSTAG

14/11/2020

DR. KERSTIN HALLMANN // LEUPHANA UNIVERSITÄT LÜNEBURG

≫Kunstvermittlung zwischen Kompetenz, Performanz und Resonanz≪

 

Der Kompetenz-Begriff prägt nicht nur seit Jahren die Bildungspolitik und die Fokussierung auf die Steuerung des Bildungswesens, sondern auch unser Denken und Handeln in Schule. Demgegenüber bieten Begrifflichkeiten wie Performanz und Resonanz eine andere Sicht auf das Lehren und Lernen im schulischen Kontext. Welche Perspektiven eröffnet diese Trias für die Kunstvermittlung im Schulsystem? Wie verändert sich unser Denken und Handeln, wenn wir uns mit Theorien zur Resonanz befassen?

 

Aktuell wird Resonanz vor allem als Gegenentwurf zur Beschleunigung postmoderner Gesellschaften und als herbeizuführende Bedingung für ein glücklicheres Leben oder guten Unterricht diskutiert. Im Französischen verweist die Endung „ance“ allerdings auf einen Zustand, der zwischen dem Aktiven und Passiven verharrt und damit auch für die Bedeutung der „resonance“ eine wichtige gedankliche Spur legt, die insbesondere für Bildungsprozesse von zentraler Relevanz ist. Aus Perspektive der Phänomenologie lässt sich hier ein begriffliches Verständnis entfalten, in dem die Erfahrung von Welt eine wesentliche Bedeutung einnimmt und unser grundlegendes „Zur-Welt-Sein“ thematisiert. Dabei spielen insbesondere jene Momente eine Rolle, die wir nicht aktiv lenken, sondern die durch ihren Anspruch auf eine „Anrührung“ durch etwas oder anderes unseren Reaktionen auf radikale Weise immer schon vorrausgehen.

 

Im Vortrag werden theoretische Ansätze für ein weiterführendes, theoretisches Verständnis bezüglich der Bedeutungsdimensionen und Spannungsverhältnisse der Termini Kompetenz, Performanz und Resonanz im Kontext von kunstpädagogischen und kunstvermittelnden Bildungszusammenhängen erläutert. Beispiele aus der kunstpädagogischen Praxis zeigen exemplarisch Momente dieses Zusammenhangs in ästhetischen Bildungsprozessen auf. Sie bieten Anlass zur gemeinsamen Diskussion der Frage, welche Konsequenzen sich durch ein phänomenologisch orientiertes Resonanz-Verständnis für die Kunstvermittlung eröffnen.

PROF. DR. JÜRGEN OBERSCHMIDT // PÄDAGOGISCHE HOCHSCHULE HEIDELBERG

≫Resonanz - Musikalische Metapher oder Symphonie einer Weltbeziehung?≪

 

„Ein gutes Gleichnis erfrischt den Verstand“, wusste bereits der Sprachwächter Ludwig Wittgenstein, auch wenn er zugleich befand, dass sich das Denken an den Grenzen der Begriffe leicht „Beulen“ holt.

Solchen Abschürfungen, Quetschungen oder gar Angriffen sieht sich derzeit Hartmut Rosas Resonanz-Theorie ausgesetzt. Gleichzeitig findet seine „Soziologie mit der Stimmgabel“ (Die ZEIT) große „Resonanz“, müht sie sich doch gegen die Beschleunigungsmechanismen der Moderne. Eine interdisziplinäre Diskussion ist hier längst eröffnet (Peters/Schulz 2017, Beljan 22019, Maset/Hallmann 2017, Rosa 2018).

Rosas „Soziologie einer Weltbeziehung“ changiert dabei selbst in einem Schwingungsfeld zwischen Metapher und Begriff. Kritik setzt dabei dann ein, wenn sich Rosas Theorie vom bildspendenden Phänomen löst und dabei eigene Wege geht, im Leser aber eine ursprüngliche (wörtliche) Bedeutung von „Resonanz“ und weitere, tiefere Bedeutungsschichten nach wie vor mitschwingen. Schließlich blickt der Resonanzbegriff auf eine lange (auch musikalische) Geschichte zurück, die von der Antike über die barocke Affektenlehre und Plessners Resonanzbegriff bis hin zu weiteren, modernen Resonanztheorien reicht.

Im Mittelpunkt der Überlegungen steht dabei der musikalische Gegenstand in seinen verschiedenen Aggregatzuständen: Als tönend-flutende Luft hat Musik keinen Ort, in der Partitur festigt sie sich allenfalls als kondensierte Materie: Musik wird geboren als kompositorischen Ide, erscheint als Niederschrift dieser Idee in der Partitur, sie führt ein kurzes Leben als musikalische Interpretation dieses Notats und festigt sich als innerer Besitz des Musiker und seiner Hörer. Wie solch ein Changieren zwischen den Aggregatzuständen auf Resonanzerfahrungen beruht, soll Gegenstand der Diskussion sein.

Mit Blick auf „Resonanz“ als ein vielschichtiges Begriffs- bzw. Metaphernfeld soll Hartmut Rosas Resonanztheorie hier musikpädagogisch gelesen werden. Dabei gilt es, ihn sowohl vor übereilten Kritikern zu schützen, als auch die ihm geneigten Leser vor einer vorschnellen (musik-)pädagogischen Beschlagnahme seiner Ideen zu bewahren. Vielleicht kann es dann gelingen, im Unterricht „den Resonanzdraht in Schwingung“ zu versetzen und „die Welt zum Singen zu bringen“ (Rosa).

SONNTAG

15/11/2020

PROF. DR. PFLEIDERER // HOCHSCHULE FÜR MUSIK FRANZ LISZT WEIMAR

≫Resonanz, Musik und gelingendes Leben. Zur Soziologie der Weltbeziehung von Hartmut Rosa≪

 

Der Begriff der ‚Resonanz‘ wurde von dem Soziologen Hartmut Rosa als Metapher für eine gelingende Weltbeziehung des Menschen gewählt. Der technologischen und sozialen Beschleunigung, der zunehmenden Reichweitenerweiterung, Ressourcensteigerung und Instrumentalisierung sowie der damit einhergehenden ökologischen, ökonomischen und psychischen Krisen und Entfremdungserfahrungen stellt Rosa die Anverwandlung von Welt durch resonante Beziehungen entgegen.

 

In meinem Vortrag möchte ich zentrale Aspekte von Rosas Resonanztheorie skizzieren, so die vier konstitutiven Momente einer Resonanzerfahrung und die Konzepte der Resonanzachsen und Resonanzdimensionen, und dies mit Beispielen aus Musik und musikalischen Praktiken veranschaulichen. Musik wird von Rosa als Beispiel für eine Resonanzsphäre herangezogen, bei der alle drei Resonanzdimensionen (horizontal, diagonal, vertikal) zusammenwirken. In Musik können zudem Entfremdungserfahrungen auf resonante Weise thematisiert werden. Zugleich werfen die mediale Allgegenwart von Musik und die Tendenzen zu ihrer Instrumentalisierung auch einige grundsätzliche Fragen an die soziologische Resonanztheorie auf: Wo genau liegen die Grenzen zwischen transformativen Resonanzerfahrungen und einem (selbstgewählten oder manipulativen) Rückzug in Resonanzoasen oder einer Flucht in ‚Echokammern‘, die nur noch wenig Bezug haben zur Welt, in der wir leben? Und wie lassen sich umgekehrt Resonanzerfahrungen und Resonanzachsen fördern, Resonanzsphären institutionalisieren und Resonanzsensibilitäten vermitteln?

PROF. DR. PIERANGELO MASET // LEUPHANA UNIVERSITÄT WEIMAR

≫Re-sponse & Sur-vival - Fragmente zu einer generativen Resonanzästhetik

 

1. LONGSHIPZ Ein Schiff ist unterwegs. Das Schiff trägt den Namen Bildung. Das Schiff befindet sich auf einer Kreuzfahrt, und es hat einen falschen Kurs eingeschlagen. Als blinder Passagier befindet sich die Kunstpädagogik mit an Bord. Sie wird bei einer Kontrolle erwischt und kann nun für den Rest der Reise, deren Ende nicht absehbar ist, leichte Reparaturarbeiten ausführen, Rostflecken ausbessern, Farbe auftragen oder Passagiere und Besatzung mit einem Programm unterhalten. Auf den Kurs des Schiffes vermag sie kaum Einfluss zu nehmen.

2. IT WAZ THE ECO-NO-MY In den zurückliegenden Jahren haben wir eine extreme Ökonomisierung des BildungsWesens erlebt, die insbesondere auch für das Fach Kunst schwer­wiegende Folgen hatte. Die Output-Orientierung von Hochschulen und Schulen führte zwangsläufig dazu, dass irreduzible Bestandteile des Künstlerischen mehr und mehr aus den Bildungsinstitutionen verschwinden.

3. PUBLIC PRIVATE PARTNERSHIT Wir befinden uns heute in einer Lage, in der das Fach Kunst so stark politisiert wird wie noch nie. Diese Politisierung kommt hauptsächlich von „oben“: Aus den Ministerien, Fördergesellschaften, Präsidien, Dekanaten und Rektoraten. Unter dem Begriff „Gouvernementalität“ ist ein komplexes Gerüst von Formen der neuzeitlichen Regierungsweise zu verstehen, die das Verhalten von Individuen und Kollektiven steuern (Foucault 2004). Dabei geht es um Techniken des Regierens, die im Kontext von Macht und Wissen nicht nur bei der Führung eines Staates, sondern auch in den Beziehungen etwa zwischen Arzt/Patient, Schüler/Lehrer bis hin zur Führung „seiner selbst“ (Bröckling/Krasmann/Lemke 2000) wirksam sind. Die in dieser Weise politisch eingesetzten Verfahren und Arbeitsweisen haben sich mittlerweile als „state of the art“ in vielen Institutionen eingeschrieben. So sind die unterschiedlichsten Institutionen – seien es Schulen, Altersheime, Krankenhäuser oder Hochschulen – stark damit beschäftigt, positive Bilanzergebnisse, eine hohe Nachfrage und ihre Alleinstellungs­merkmale anzupreisen. Gouvernementale Strukturen führen letztlich zu einer Verwertungslogik, die sich selbst reproduziert. Unter den Bedingungen solcher Steuerung wird Sichtbarkeit zu einer politischen Kategorie, die die dominanten Akteure in die Endlosschleifen medialer Repräsentanz stellt und für die „Anderen“ deren Unsichtbarkeit vorsieht: „Grund genug also, sich genauer mit den Formen der Sichtbarkeit zu beschäftigen und danach zu fragen, wie uns etwas zu sehen gegeben wird und was darin gleichzeitig als Unsichtbarkeit entsteht.“ (Schaffer 2008, S. 21)

 

4. ENE-MY In der Pädagogik hat sich in den letzten Jahren als sichtbarer Mainstream die quantitative empirische Bildungsforschung durchgesetzt und ihre durchaus strittigen Expertisen flächendeckend verbreitet. Im Zuge dieser Entwicklung ist die Kunstpädagogik in eine Zwickmühle geraten, sie muss mit den PISA- und BMBF-Assimilierten um eine Sichtbarkeit ringen, die sie eigentlich nicht leisten kann, wenn sie ihre zentrale Aufgabe ernst nimmt – die Ermöglichung von Freiheitsgraden mittels ästhetisch-künstlerischen Denkens und Handelns. Die „Kompetenzorientierung“ bewirkt auch eine immer vollständigere Messbarkeit des Faches Kunst. Feindlich.

 

 5. DEEEEP READING Die selbstbestimmte akademische Lektüre wird immer mehr zur Ausnahme, ebenso die selbstbestimmte akademische Text- und Bildproduktion. Die Studierenden werden heute einer inflationären Flut von Downloads ausgesetzt, mit PDFs und PowerPoint-Präsentationen überhäuft. Wieviel Raum besteht noch für das intensive Lesen aus Lust, wo taucht im modular getakteten Studium noch die intensive Lektüre auf, die sich z.B. dadurch auszeichnet, dass auch zunächst überfordernde, unverständliche Texte aus freien Stücken gelesen werden, um das eigene Bewusstsein in Bewegung zu bringen? Maryanne Wolf spricht hierzu vom „deep reading“ (Wolf 2018). Der Raum für autonome Lektüre und Textproduktion muss neu eröffnet werden.

 

6. RE=SPONZE Es stimmt zuversichtlich, dass Stimmen sich mehren, die der engen Welt der Standardisierung und Kontrolle andere Entwürfe entgegensetzen (vgl. Rosa/ Endres 2016). Ästhetisch-künstlerisch und pädagogisch geht es um die Resonanz zwischen unterschiedlichen Energien und Effekten, Objekten und Subjekten. In der Theorie der „Morphischen Resonanz“ geht es z.B. um die Frage, wie sich Formen in der Natur bilden und wie sie sich erhalten und verändern. Rupert Sheldrake stellt hierzu dar, dass es resonante morphogenetische Felder und Rhythmen gibt, durch die „[…] formative Kausaleinflüsse über Raum und Zeit wirksam werden […] Der Begriff ‚morphisches Feld‘ bezieht sich nicht nur auf morphogenetische Felder im engeren Sinne, sondern auch auf Verhaltensfelder, soziale Felder, kulturelle Felder und mentale Felder. Morphische Felder werden durch morphische Resonanz mit früheren morphischen Einheiten einer ähnlichen Art […] geformt und stabilisiert“ (Sheldrake 1992, S.436). Eine solche Betrachtungsweise könnte sich mit dem generativen bzw. formativen Kern künstlerischer Arbeiten befassen und ihre transformativen Kräfte ins Zentrum stellen. Mit einer möglichen Generativen Resonanzästhetik soll kein System von Regeln (wie in der „Generativen Transformationsgrammatik“, vgl. Chomsky 1973) aufgestellt werden. Im Gegensatz zur sprachlichen Kommunikation, die vom kommunikativen Verständnis abhängt, ginge es in der Generativen Resonanzästhetik um die Entwicklung von Formen und Gestaltungen sowie um deren situativen Potenziale und transformativen Effekte. Resonanz ereignet sich dabei im Sinn von Kunst oder im Sinn von Nicht-Kunst bzw. im Sinn von Nicht-Kunst als Kunst oder Kunst als Nicht-Kunst.

 

 

9. Studentische Tagung zur Kunstvermittlung in Weimar

Resonanz 2020