(IM)MATERIELLE MAGIEN

Historie spekulativer Materialien im Kontext der Gegenwartskunst

Das Phänomen des Magischen ist seit einiger Zeit verstärkt als ein kritisches Widerlager zu hegemonialen Diskursen in zahlreichen künstlerischen Positionen virulent geworden, die sich gleichzeitig den Ideen eines Neuen Materialismus zuordnen lassen – allerdings nicht im Sinne einer unreflektierten vor- oder antirationalen bzw. esoterischen Belebung okkulten Wissens oder okkulter Praktiken, sondern als ein von vielen Künstler*innen positiv besetzter Bezugspunkt sinndeutenden Handelns entgegen etablierter Machtverhältnisse, Identitätskonzepte und Kapitallogiken. Gemeinsetzen lässt sich das Thema des Magischen und das Thema handlungsmächtiger Dinge, künstlicher Intelligenzen, digitaler Entitäten und virtueller Präsenzen insofern, als sie alle den Gedanken der Über- oder Außermenschwerdung zum Ausgang und quasi eine gemeinsame Historie haben – doch sind die Vorzeichen umkehrt, auf der einen Seite steht der Mensch als Schöpfer, auf der anderen der Glaube an übergeordnete schöpferische Instanzen. Indessen stellt sich auch im Ansehen des Irrealen die Frage, mit welchen Hilfsmitteln dem Entwicklungswunsch des Übermenschlichen nachgekommen werden soll. Eine besonders signifikante Möglichkeit ist die Betrachtung hypothetisch magischer Materialien, die, von ihrer Historie aus betrachtet, die Idee einer Übermenschwerdung illustrieren: Seit jeher konsumieren Menschen faktische Substanzen, denen eine eigene Agenda zugeeignet wird und die nicht der Nahrungsaufnahme dienen – zur Heilung, zum Rausch, zur Bewusstseinserweiterung, in religiösen Ritualen, zur Selbstoptimierung, aus Protest und Langeweile. Die sich wandelnden Kategorisierungen der einzelnen Substanzen als Pharmazeutika, Droge, Hormon oder Dopingmittel stehen dabei ihrer historischen Determination als Wunderding, als Objekt des Magischen und als außerweltlich gegenüber und scheinen in ihrer Reputation weniger über die Effekte und Gefahren ihrer Einnahme definiert zu sein als vielmehr durch die sich dahinter verbergenden individuellen Einstellungen, ihre Eigenrelationen, ihre agentielles Potential und sozialen Belange, die Fragen von Ethnie, Geschlechtlichkeit, Klasse und ökonomischem Interesse beschreiben.


Michael Klipphahn (*1987) ist Künstler und Kunstwissenschaftler. Er hat Bildende Kunst an der Hochschule für Bildende Künste Dresden studiert und promoviert derzeit in Kunstgeschichte zum Thema »Magic Matters. Magie und Neuer Materialismus in der Gegenwartskunst« an den Kunsthochschulen Dresden und Hamburg. Er lehrt »Konzeptionelle und kontextuelle Kunst« im Fachbereich Kunstdidaktik an der Technischen Universität Dresden. Klipphahns Forschungsschwerpunkte und Interessenfelder sind zeitgenössische Kunst, Magie-, Ritual- und Okkultismusforschung, Populär- und Dragkultur, transdisziplinäre Methoden und Queer- und Gendertheorie. Zuletzt erschien sein Beitrag »Kunst. Magie. Emoji.« im Band »Altered States: Substanzen in der zeitgenössischen Kunst« im Hatje Cantz Verlag. 


Abbildung: Michael Klipphahn